Bulgarien taucht immer öfter auf dem Radar von Gründern, Freelancern und kleinen Unternehmen auf: 10 % Körperschaftsteuer, 5 % Quellensteuer auf Dividenden, Euro seit 2026, EU- und Schengen-Mitgliedschaft – und eine Firma, die in wenigen Tagen eingetragen ist. Das stimmt alles. Und trotzdem hören viele Artikel im Internet genau da auf, wo es interessant wird: bei den Unterschieden, die du erst mitten im Prozess bemerkst, und bei den Kosten, die in keinem beworbenen Preis auftauchen.
Dieser Artikel ist Teil 1 unserer fünfteiligen Serie zur Firmengründung in Bulgarien. In der Serie behandeln wir:
Warum Bulgarien? Die Fakten 2026
- 10 % Körperschaftsteuer – gemeinsam mit einem weiteren Land der niedrigste Satz in der EU, flat, ohne Progression.
- 5 % Quellensteuer auf Dividenden – eine geplante Erhöhung auf 10 % wurde zurückgezogen; es bleibt bei 5 %.
- 10 % Einkommensteuer (flat), wenn du auch deine persönliche Steuerresidenz verlegst.
- Euro seit dem 1. Januar 2026 – kein Währungsrisiko, normale SEPA-Überweisungen, volle Preistransparenz. Details in unserem Artikel zur Euro-Umstellung.
- Volle EU- und Schengen-Mitgliedschaft – deine bulgarische Firma ist eine EU-Firma mit EU-USt-IdNr., und auf dem Weg dorthin gibt es keine Grenzkontrollen mehr.
- 1 € Mindestkapital für die beliebteste Rechtsform, die EOOD/OOD.
- Schnelle Eintragung: elektronische Anmeldungen beim Handelsregister werden in der Regel innerhalb von 1–3 Werktagen bearbeitet.
- Niedrige laufende Kosten: Büros, Gehälter und Dienstleistungen kosten einen Bruchteil westeuropäischer Preise.
Wichtiger Kontext: Diese Vorteile sind stabil. Der 10-%-Satz gilt seit 2008 und hat viele Regierungen überlebt. Bulgarien konkurriert über Steuer-Verlässlichkeit – genau das ist das Verkaufsargument des Standorts.
Was wirklich anders ist als zu Hause
Wenn du aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz kommst, wird dir das bulgarische System in der Struktur vertraut vorkommen – die Rechtsformen sind eng am deutschen Vorbild orientiert (wir vergleichen sie in unserem Überblick über die bulgarischen Unternehmensformen). Die Unterschiede stecken im Detail:
- Der Notar spielt eine andere Rolle. Du sitzt nicht wie in Deutschland eine Stunde beim notariellen Gründungstermin. Aber bestimmte Unterschriften – allen voran die Zustimmungserklärung des Geschäftsführers mit Unterschriftsprobe – müssen notariell beglaubigt werden. Und wenn du im Ausland unterschreibst, kommen meist Apostille und beglaubigte Übersetzung obendrauf.
- Ein Buchhalter ist faktisch Pflicht. Nach dem bulgarischen Rechnungslegungsgesetz muss der Jahresabschluss von einem qualifizierten Ersteller angefertigt werden – in der Praxis beauftragen weit über 95 % der Firmen eine Buchhaltungskanzlei oder einen lizenzierten Buchhalter, üblicherweise monatlich. Egal was eine Preisliste sagt: Plane die monatliche Buchhaltung von Tag eins ein.
- Alles läuft über ein Register. Das Handelsregister bei der Registry Agency ist die zentrale Drehscheibe – Anmeldungen, Jahresabschlüsse und Firmenänderungen werden dort veröffentlicht und sind öffentlich einsehbar. Wie das funktioniert, erklären wir in unserem Überblick zur Registry Agency.
- Die Eintragung ist schnell – die Bank nicht. Die Firma selbst kann in Tagen existieren. Ein Geschäftskonto als ausländischer Gründer zu eröffnen bedeutet dagegen KYC-Prüfungen, die 2–4 Wochen dauern können und oft persönliches Erscheinen erfordern.
- Die Sprache. Offizielle Einreichungen sind auf Bulgarisch. Gute Dienstleister arbeiten mit zweisprachigen Dokumenten, aber die offizielle Fassung ist immer die bulgarische – du solltest verstehen, was du unterschreibst.
Der ehrliche Teil: Wo die echten Kosten und Risiken sitzen
Das ist der wichtigste Satz, bevor du irgendein Angebot vergleichst: Die Eintragung selbst ist billig und schnell – die echten Kosten und Risiken liegen beim Banking und bei der laufenden Compliance.
Die beworbenen Gründungspreise am Markt reichen von unter 100 € (bulgarischsprachige Online-Registrare für Einheimische) bis über 1.700 € (internationale Full-Service-Anbieter). Aber Eintragungsgebühr und Papierkram sind einmalig. Was deine tatsächlichen Kosten bestimmt, ist:
- Monatliche Buchhaltung – rund 30 € im Monat für eine ruhende oder minimale Firma, typischerweise 80–250 € im Monat für ein aktives, ausländisch gehaltenes oder umsatzsteuerregistriertes Unternehmen.
- Eine Geschäftsadresse – ohne eigene Räume kostet eine gestellte Adresse etwa 120–540 € pro Jahr, und sie verlängert sich jedes Jahr.
- Bankgebühren und KYC – Kontoeröffnungs-Support und Bankgebühren für nicht ansässige Gründer schlagen häufig mit 100–500 € zu Buche.
- Deine eigene Compliance zu Hause. Eine bulgarische Firma wird nur dann in Bulgarien besteuert, wenn sie tatsächlich von Bulgarien aus geführt wird. Wer weiter in Deutschland wohnt und die Firma vom Küchentisch aus lenkt, wird vom deutschen Finanzamt dazu eine Meinung hören. Nimm die Themen Geschäftsleitung, Substanz und Doppelbesteuerungsabkommen ernst, bevor du gründest – nicht danach.
Ein realistisches Budget für das erste Jahr liegt für einen ausländischen Gründer mit einer einfachen EOOD bei grob 1.500–3.500 € all-in – Gründung, Adresse, Buchhaltung, Notar, Übersetzungen und Bankkosten eingerechnet. Das ist eine Schätzung, kein Preis – wir schlüsseln sie in Teil 3 der Serie Position für Position auf.
Welche Rechtsform wirst du tatsächlich nutzen?
Für die große Mehrheit der ausländischen Gründer lautet die Antwort EOOD (Ein-Personen-GmbH) oder OOD (GmbH mit mehreren Gesellschaftern) – beschränkte Haftung, 1 € Mindestkapital, klare Struktur. Seit 2025 gibt es außerdem die Gesellschaft mit variablem Kapital (DPK/VCC), eine startup-freundliche Form, die vor der Eintragung kein Kapitaleinzahlungskonto benötigt – was sie für komplett ferngesteuerte Gründungen interessant macht. Freelancer können sich alternativ über BULSTAT selbstständig melden, ganz ohne Gesellschaft.
Alle Formen, vom Einzelkaufmann bis zur Aktiengesellschaft, vergleichen wir in unserem Artikel über die bulgarischen Unternehmensformen.
Für wen Bulgarien passt – und für wen nicht
Eine bulgarische Firma ergibt Sinn, wenn du:
- ortsunabhängig arbeitest (Beratung, IT, E-Commerce, Online-Dienstleistungen) und bereit bist, dein Geschäft wirklich zu verlagern – idealerweise auch dich selbst;
- EU-Rechtssicherheit, eine EU-USt-IdNr. und SEPA-Banking zu osteuropäischen Kosten willst;
- ohnehin nach Bulgarien auswanderst und von Tag eins eine saubere Struktur haben willst.
Sei skeptisch, wenn:
- dir jemand „10 % Steuern“ verspricht, während du weiter ausschließlich in deinem Heimatland lebst und arbeitest – das ist kein Bulgarien-Problem, sondern ein Steuerresidenz-Problem;
- dein Geschäft von lokalen Lizenzen, physischer Präsenz oder Kunden abhängt, die eine inländische Gesellschaft erwarten;
- du ein „Briefkasten“-Setup ohne laufende Pflichten suchst – Bulgarien hat echte Buchhaltungs-, Melde- und Veröffentlichungspflichten wie jedes EU-Land.
Fazit und wie es weitergeht
Bulgarien ist 2026 einer der attraktivsten Orte in der EU, um ein Unternehmen zu gründen – niedrige Steuern, die tatsächlich stabil sind, der Euro, schnelle Eintragung und geringe laufende Kosten. Die Falle ist nicht das Land, sondern mit einem 100-€-Preisschild im Kopf loszulaufen, ohne Plan für Bank, Buchhaltung und Substanz. In Teil 2 gehen wir den Gründungsprozess Schritt für Schritt durch, vom Namenscheck bis zur Steuernummer.
Du willst abkürzen? Unser All-inclusive-Gründungspaket deckt den gesamten Prozess mit persönlicher Betreuung auf Deutsch und Englisch ab, und unser Buch „Start in Bulgaria“ ist der Praxis-Guide zu allem, was in dieser Serie steht. Fragen? Sprich uns an.
Alle Zahlen in dieser Serie sind eine Momentaufnahme vom Juli 2026 und Schätzungen bzw. marktübliche Spannen, keine verbindlichen Preise. Dieser Artikel ist eine allgemeine Information, keine Rechts- oder Steuerberatung.