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Bosch schließt in Sofia, Liebherr baut in Plovdiv: Was sich bei deutschen Investitionen in Bulgarien gerade ändert

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Diesen Artikel gibt es auch auf Englisch: Bosch Closes in Sofia, Liebherr Builds in Plovdiv: What Is Changing in German Investment in Bulgaria

Alexander-Newski-Kathedrale in Sofia mit goldener Hauptkuppel unter blauem Himmel

Anfang Juli 2026 wurde bekannt: Bosch schließt sein Engineering Center in Sofia bis Mitte 2027, rund 670 Stellen fallen weg. Nur drei Monate vorher hatte Liebherr bei Plovdiv knapp 90 Millionen Euro für ein neues Werk angekündigt – mit bis zu 600 Jobs für Bauteile von Airbus- und Embraer-Flugzeugen. Sofia und Plovdiv liegen rund 140 Kilometer auseinander.

Dazu kommt das größte deutsche Industrieprojekt der letzten Jahre: die Munitionsfabrik von Rheinmetall und dem Staatsbetrieb VMZ. Unterschrieben im Oktober 2025, liegt sie seit Juli 2026 wieder auf dem Verhandlungstisch.

Ist Bulgarien für deutsche Unternehmen also plötzlich weniger attraktiv? Kurze Antwort: nein. Aber das, wofür deutsche Firmen hierherkommen, verschiebt sich gerade. Wir schauen uns die drei Fälle an – mit Zahlen, Geschichte und dem, was sie für dich bedeuten, wenn du über Produktion oder ein Team in Bulgarien nachdenkst.

Bosch: Vom Software-Hub zurück zum Vertriebsstandort

Bosch-Logo auf einem Firmenschild

Bosch ist seit 1993 in Bulgarien, zunächst mit der Tochter Robert Bosch EOOD. 2010 kam BSH Hausgeräte dazu (SeeNews).

Der Software-Schwerpunkt entstand über einen Zukauf. 2015 übernahm Bosch den IoT-Spezialisten ProSyst mit Standorten in Köln und Sofia (Invest Sofia). Daraus wurde über Umwege das heutige Bosch Digital.

Das Engineering Center: 2019 bis 2027

Im Oktober 2019 eröffnete Bosch sein Engineering Center im Sofia Tech Park. Zum Start arbeiteten dort 200 Leute, bis 2023 sollten es über 500 werden (Sofia Tech Park, BNR). Entwickelt wurde Software für Fahrerassistenz, automatisiertes Fahren und E-Mobilität.

Der Staat förderte das Projekt mit einem Investitionszertifikat der Klasse A: knapp 9 Mio. Lewa Investition, 350 Arbeitsplätze (InvestBulgaria). Die Belegschaft der Bosch-Gruppe in Bulgarien wuchs von 690 Ende 2021 auf 850 Ende 2022 und 1.002 Ende 2023 (SeeNews).

Um die Monatswende Juni/Juli 2026 kam die Kehrtwende (die Medien datieren die Ankündigung auf den 1. Juli, die EU-Agentur Eurofound auf den 2. Juli). Das Center schließt bis Mitte 2027: rund 400 Stellen fallen schon 2026 weg, der Rest bis Mitte 2027 (BTA). Bei zuletzt gut 1.000 Beschäftigten im Land sind das rund zwei Drittel (BNR).

Warum Bosch geht – und was bleibt

Bosch nennt sinkende Fahrzeugproduktion in Europa, eine langsamere Einführung von E-Mobilität und autonomem Fahren, hohe Kosten und Nachfrage, die sich aus Europa wegverlagert. Wichtig: Sofia ist dabei nur ein kleiner Posten. Die EU-Agentur Eurofound ordnet die Schließung als Teil des weltweiten Bosch-Abbauprogramms ein, das allein in Europa rund 13.000 Stellen bis 2030 umfasst (Eurofound).

Aufschlussreich ist der Vergleich mit Rumänien. Das Bosch-Engineering-Center in Cluj, gegründet 2013 und mit rund 1.500 Beschäftigten deutlich größer, läuft weiter (Economedia). Wenn ein Konzern konsolidiert, überleben eher die älteren, größeren Standorte.

In Bulgarien bleiben Vertrieb, Service und Schulung für Kfz-Ersatzteile, Elektrowerkzeuge, Heiztechnik und Gebäudetechnik. Dazu BSH und Bosch Digital mit rund 300 Software-Fachleuten für Cloud, IoT und KI (BTA).

Liebherr: 27 Jahre Plovdiv – und jetzt Luftfahrt

Kleine Präzisierung vorweg: Liebherr ist ein Familienunternehmen mit deutschen Wurzeln, hat seinen Konzernsitz aber in der Schweiz. Die Luftfahrtsparte wird aus Toulouse gesteuert. Für dich als Leser aus dem DACH-Raum ist es trotzdem das naheliegendste Beispiel.

Drei Werke rund um Plovdiv

  • Kühlschränke seit 1999: Liebherr-Hausgeräte Marica in Radinovo war mit rund 25 Mio. Euro damals das größte Industrieprojekt Bulgariens. Heute arbeiten dort über 1.900 Menschen, pro Jahr laufen rund 868.000 Geräte vom Band (Liebherr).
  • Klimatechnik für Züge seit 2004: Liebherr-Transportation Systems Marica baut Heizungs- und Klimasysteme für Schienenfahrzeuge, später auch Kühlaggregate für Sattelauflieger. 2022 waren es rund 280 Beschäftigte (Capital).
  • Betonmischer seit 2022: Liebherr-Concrete Technology Marica in der Trakia Economic Zone, 17 Mio. Euro, rund 120 Jobs. Ein Teil der Maschinen kam direkt aus Deutschland (Capital).

Die Verlagerung aus Oberschwaben

Der dritte Punkt ist die eigentliche Geschichte. Liebherr verlagert die Fahrmischer- und Mischanlagenfertigung schrittweise aus Bad Schussenried nach Plovdiv. Laut Geschäftsbericht 2025 betrifft das nicht nur Produktion, sondern auch Entwicklung, produktionsnahe Aufgaben und Verwaltung (Liebherr-Geschäftsbericht).

Ein Liebherr-Finanzchef sprach im Interview von rund 350 Arbeitsplätzen, die nach Bulgarien gehen. Der Standort Deutschland sei für diese Produkte nicht mehr optimal (Schwäbische Zeitung).

90 Millionen Euro für die Luftfahrt

Im Frühjahr 2025 kaufte Liebherr für 35 Mio. Euro eine nagelneue, nie genutzte E-Bike-Fabrik bei Plovdiv. Gebaut hatte sie ein österreichisch-bulgarisches Joint Venture von Pierer und Maxcom, das der Fahrradkrise zum Opfer fiel (Capital, BCCI).

Im März 2026 folgten die Details. Insgesamt investiert Liebherr knapp 90 Mio. Euro, in eine 42.000 m² große Halle für zwei Gesellschaften (BNR). Dort entstehen erstmals Luftfahrtteile in Bulgarien: Stellantriebe für Flugsteuerung und Fahrwerk, Wellen für Flügelmechaniken und Klimaanlagen für Flugzeuge.

Der Staat vergab dafür am 24. März 2026 ein Zertifikat als Prioritätsprojekt. Zunächst sind rund 200 Jobs vorgesehen, mit Potenzial bis 600. Liebherr will vor Ort auch fertigen, testen und entwickeln und plant ein eigenes Forschungs- und Entwicklungszentrum (InvestBulgaria).

Die erste Linie sollte im Mai 2026 starten, volle Kapazität ist für Mitte 2027 geplant. Ob die erste Linie tatsächlich angelaufen ist, konnten wir nicht bestätigen; das sind Planwerte. Als Gründe nennt Liebherr steigende Nachfrage, die kostengünstigen Fähigkeiten des Standorts und eine Doppelbeschaffung für mehr Lieferkettensicherheit (Liebherr).

Rheinmetall: Eine Milliarde auf Wiedervorlage

Am 28. Oktober 2025 unterzeichneten Rheinmetall und der bulgarische Staatsbetrieb VMZ in Sofia einen Gesellschaftervertrag. Geplant: ein Joint Venture (Rheinmetall 51 %, VMZ 49 %) für rund 1 Mrd. Euro auf etwa 100 Hektar bei Sopot, mit rund 1.000 Arbeitsplätzen (Rheinmetall).

Pro Jahr sollten rund 100.000 Artilleriegeschosse vom Kaliber 155 mm entstehen, dazu Treibladungen und etwa 1.300 Tonnen Pulver. Geschosshülsen waren ab 2027 geplant, Explosivstoffe ab 2028.

Was seit dem Regierungswechsel passiert ist

Im Mai 2026 kam eine neue Regierung ins Amt. Im Juli stellte Wirtschaftsminister Alexander Pulev das Projekt infrage (Capital). Seine Kritikpunkte:

  • Der bulgarische Anteil sei nicht finanziert. Der EU-Verteidigungskredit SAFE decke nur 10 bis 15 % für den Aufbau von Produktion.
  • Bulgarische Interessen seien schlecht geschützt, etwa bei Lizenzgebühren und der Einbindung heimischer Zulieferer (BNT).
  • Der vorgesehene Standort sei ungeeignet, ein Joint Venture existiere rechtlich noch gar nicht (IntelliNews).

Die Vorgängerregierung widerspricht und verweist auf einen fertigen, aber nie verabschiedeten Haushaltsentwurf. Rund 40 Mio. Euro sind laut Capital bereits über eine staatliche Projektgesellschaft an Rheinmetall geflossen, für die Werksplanung.

Am 23. Juli 2026 trafen sich Regierung und Rheinmetall erneut. Ergebnis: Die Gespräche beginnen faktisch von vorn, Rheinmetall bekräftigt sein Interesse (BNR). Wie es weitergeht, ist Stand heute offen. Selbst der Minister rechnet damit, dass der ursprüngliche Zeitplan nicht zu halten ist.

Was sich wirklich verschiebt

Deutsche Firmen ziehen sich nicht aus Bulgarien zurück. Sie sortieren um: weniger Auto-Software in Sofia, mehr anspruchsvolle Fertigung rund um Plovdiv. Ob das ein Aufstieg oder ein Abstieg in der Wertschöpfung ist, ist die spannende Frage.

UnternehmenStandortTätigkeitRichtungStand Oktober 2026
BoschSofiaAutomotive-Software, F&EAbbauLäuft bis Mitte 2027
Bosch DigitalSofiaIoT, Cloud, KIStabilRund 300 Beschäftigte
LiebherrPlovdivLuftfahrt- und Zugtechnik: Fertigung, Test, EntwicklungAusbauHochlauf, volle Kapazität Mitte 2027 (geplant)
LiebherrPlovdivBetonmischer: Fertigung und Entwicklung aus DeutschlandAusbauVerlagerung bis voraussichtlich 2028
Witte AutomotiveRuseSchließsysteme für AutosAusbauErweiterung 2025 abgeschlossen
AurubisPirdopKupferraffinationAusbauAusbau läuft, Start für 2026 geplant
Rheinmetall / VMZSopotMunition, TreibmittelOffenNeuverhandlung

Die Tabelle zeigt angekündigte Zahlen, keine realisierten. Bei Liebherr sind 200 Jobs zugesagt, 600 sind das Ziel. Bei Rheinmetall ist offen, ob die 1.000 überhaupt kommen.

Die Autobranche selbst stirbt hier also nicht. Witte Automotive hat 2025 sein Werk in Ruse erweitert, mit über 300 neuen Jobs bei 1.160 Beschäftigten (BTA). Was schrumpft, ist die Auto-Entwicklung in Konzerntöchtern, nicht die Auto-Fertigung.

Die Gesamtzahlen: stabil, kein Boom

Der Bestand deutscher Direktinvestitionen lag Anfang 2024 bei 4,109 Mrd. Euro (Präsidialamt) und Mitte 2025 bei 4,129 Mrd. Euro (Regierung). Das ist praktisch unverändert. Deutschland bleibt mit über 12 Mrd. Euro Handelsvolumen 2024 Bulgariens wichtigster Handelspartner.

Einer der größten deutschen Investoren ist übrigens kein Autozulieferer, sondern der Kupferkonzern Aurubis. In Pirdop läuft ein Ausbauprogramm von rund 800 Mio. Lewa, umgerechnet gut 400 Mio. Euro (BTA).

Aufstieg oder Abstieg in der Wertschöpfung?

Das stärkste Gegenargument zur Erfolgsgeschichte: Sofia verliert hoch bezahlte Software-Jobs, Plovdiv gewinnt vor allem Fertigung zu niedrigeren Kosten. Das sieht eher nach einem Schritt zurück aus.

Dagegen spricht, dass Luftfahrt eine der anspruchsvollsten Branchen überhaupt ist. Und Liebherr holt nicht nur Fertigung, sondern auch Entwicklung nach Bulgarien. Unsere Einschätzung: Es ist eine Verschiebung in andere Segmente, kein gleichwertiger Ersatz – zumindest bis 2027.

Was das für dich bedeutet

Wenn du als Unternehmen über Bulgarien nachdenkst, lassen sich aus den drei Fällen fünf Punkte ableiten:

  1. Fertigung funktioniert. Plovdiv und die Trakia Economic Zone zeigen, dass dort auch komplexe, regulierte Produktion möglich ist.
  2. Kleine Konzern-Satelliten sind verwundbar. Wird im Mutterkonzern gespart, trifft es zuerst die kleineren, jüngeren Standorte – unabhängig davon, wie gut sie arbeiten.
  3. In Sofia wird Talent frei. Rund 670 erfahrene Automotive-Software-Entwickler suchen bis Mitte 2027 neue Jobs. Für Mittelständler mit Entwicklungsbedarf ist das eine seltene Gelegenheit.
  4. Politik ist ein Risiko. Projekte mit staatlicher Beteiligung hängen an Haushalt und Regierungswechseln, wie Rheinmetall zeigt.
  5. Ankündigung ist nicht Realität. Rechne mit zugesagten Zahlen, nicht mit Zielwerten.

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Quellen

Stand aller Angaben: 8. Oktober 2026. Die Zahlen stammen aus Unternehmensangaben, Regierungsmitteilungen und Medienberichten; alle Quellen sind direkt im Text verlinkt. Angekündigte Investitionen und Arbeitsplätze sind Planwerte, keine realisierten Zahlen.

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechts-, Steuer- oder Investitionsberatung. Für Entscheidungen über einen Standort oder eine Gesellschaftsgründung in Bulgarien wende dich an qualifizierte Berater.

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